Asylwesen in der Schweiz - Informationen aus erster Hand

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«Ziel ist es das Beste aus der Situation zu machen!»

Die Klassen E2ab beschäftigen sich aktuell mit der Lektüre «Die Zeit der Wunder» von Anne-Laure Bandoux. Inhalt ist das Flüchtlingsschicksal von Koumaïl aus dem Kaukasus und seine aufregende Flucht über mehrere Etappen nach Frankreich. Umso mehr stellen sich Fragen, wie denn unser Heimatland, die Schweiz, mit Asylsuchenden umgeht. Hierfür konnten wir einen kompetenten Referenten gewinnen. Seit mehreren Jahren arbeitet er in Asylzentren und ist somit eine kompetente Auskunftsperson in dieser schwierigen Thematik. Leider wird diese wichtige Aufgabe nicht überall geschätzt, und so haben wir uns entschieden, den Namen unseres Experten in diesem Bericht nicht zu nennen. Es geht hier auch um den Schutz der Auskunft gebenden Person.

Das Thema Asylpolitik polarisiert seit je her. Von «kein Mensch ist illegal» bis «Sicherheit schaffen» findet man alle Facetten von Meinungen. Auf die verschiedenen Argumente wurde im Vortrag kaum eingegangen. Vielmehr war es das Ziel, den Jugendlichen aus der Praxis aufzuzeigen, wie die Schweiz mit Asylsuchenden umgeht.

Grundsätzlich hat jeder Mensch das Recht in einem fremden Land Asyl zu beantragen, und jedes Land ist dazu verpflichtet, diesen Antrag zu überprüfen. Die Gründe sind Verfolgung an Leib und Leben aufgrund politischer und religiöser Ausrichtung. Hierfür ist das Staatssekretariat für Migration (SEM) verantwortlich. Die Aufnahme erfolgt in den sechs Erstaufnahmezentren, den Bundesasylzentren. Ziel ist es, mittels eines beschleunigten Verfahrens so schnell wie möglich einen positiven oder negativen Entscheid fällen zu können. Hierbei steht den Asylsuchenden ein Rechtsbeistand zur Verfügung.

Soweit die Theorie, jedoch gibt es hier den einen oder anderen Stolperstein. Stellt sich heraus, dass eine Person bereits in einem anderen europäischen Land einen Asylantrag gestellt hat, wird sie in dieses entsprechende Land zurückgeführt. Schwierigkeiten ergeben sich auch bei Ländern, welche ihre eigenen Staatsbürger nicht mehr zurücknehmen wollen (bspw. Marokko) oder Sans Papiers, welchen ihre Herkunft, ihr Ursprungsland nicht nachgewiesen werden kann.

Leben in einem Asylzentrum

Unser Referent arbeitet seit mittlerweile sechs Jahren als Betreuer in Asylunterkünften. Bei diesem Job ist man etwas «Hans Dampf in allen Gassen». Folgende Tätigkeiten gehören zum vielseitigen Aufgabenkatalog:

  • Hausordnung durchsetzen
  • Organisation Reinigung
  • Infrastruktur
  • Kinderbetreuung
  • Deutschkurse für Erwachsene
  • Schule für Kinder und Jugendliche
  • Medizinische Betreuung
  • Auszahlung
  • Organisation von Beschäftigungseinsätzen
  • Koordination Freiwilligenarbeit
  • Buchhaltung
  • Falldokumentation
  • Öffentlichkeitsarbeit, Zusammenarbeit mit der Gemeinde
  • Ein- und Ausquartierung

Sehr eindrücklich lässt sich das Leben in einer Asylunterkunft veranschaulichen, wenn man sich die Fernsehsendung „Mona mittendrin“ anschaut (Mona mittendrin).

Spannend für die Jugendlichen war bestimmt die Tatsache, was Asylsozialhilfe (Nothilfe bekommen nur abgewiesene Asylsuchende, die nicht abgeschoben werden können) in der Schweiz bedeutet. So erhält eine asylsuchende Person einen Schlafplatz in einer Unterkunft und zusätzlich je nach Kanton circa 9 Franken pro Tag für die Aufwendungen des täglichen Lebens (Esswaren, Telefon, Bustickets, Hygieneartikel...). Die 9 Franken können noch mit 3.50 Franken Sackgeld erhöht werden, jedoch nur, wenn man sich an die entsprechenden Regeln (z.B. Pünktlichkeit und Sauberkeit) im Zentrum hält, sonst wird dieses gekürzt. Das Zusammenleben auf engem Raum mit wildfremden Menschen stellt eine grosse Herausforderung dar, so kommt es zuweilen auch zu Streitereien (bspw. um ein Ladekabel). Deeskalierend wird versucht, Personen mit gleicher Religion oder demselben Kulturkreis in ein Zimmer einzuteilen. Auch gibt es Zimmer für Familien, und auch nach Geschlechtern wird bei der Unterbringung selbstverständlich unterschieden.

Mitleid ist falsche Motivation

Bei der Arbeit mit Flüchtlingen ist ein professioneller Abstand wichtig. Selbstverständlich hört man den Menschen zu, wenn sie von ihren Schicksalen sprechen, aber man fordert sie nie direkt zum Erzählen auf. Ziel ist es, in dieser schwierigen Situation das Beste herauszuholen, dies erfordert viel Flexibilität. So hat sich beispielsweise das Büro unseres Experten zuweilen in eine zeitweilige Kinderkrippe verwandelt. Er überwachte zuweilen vier bis fünf Säuglinge in Maxi-Cosis, während ihre Mütter kurz einkaufen waren. Schön ist sicherlich die Tatsache, dass Asylsuchende in Sicherheit immer wieder aufblühen, die Sprache extrem schnell lernen und sich so in der Schweiz integrieren können. Daneben heisst es aber auch immer wieder Abschied zu nehmen, wenn Bewohnerinnen und Bewohner nach einem negativen Entscheid freiwillig oder mit Begleitung der Polizei ausgeschafft werden.

Trotz der schwierigen Situation für alle beteiligten Personen ist es wichtig, dass die Menschlichkeit nie vergessen wird. Es geht um Menschen in einer oft verzweifelten Lage, und da ist ein professioneller Umgang unabdingbar. Sind wir also froh, dass es immer wieder Leute gibt, welche sich dieser Herkulesaufgabe stellen und professionell agieren.

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